Un wieder ein vergeudeter Tag. Getan, was zu tun verlangt wurde,
doch nichts, was tatsächlich zu tun wäre. Nichts riskiert, was zu
riskieren gewesen wäre. Zu feige und zu bequem. Eingesteckt,
sich aufgerieben. Wofür? Für ein paar imaginäre Zahlen auf dem
monatlichen Kontoauszug, Zahlen, die mit dem Wert des Lebens
ungefähr soviel zu tun haben, wie die Maße eines Bilderrahmens
mit dem darin befindlichen Kunstwerk. Nicht, daß sich die meisten
Menschen ein Kunstwerk nicht genau wegen Form oder Farbe aussuchen
würden. Leider zähle ich nicht dazu.
Vielleicht ist es eine Krankheit, eine Art Fieber, diese zu
hohen Erwartungen ans Leben. Und sie versuchen wahrlich, einen davon
zu kurieren, all die Menschen um einen mit ihrem gleichförmigen
Leben, ihrem tagtäglichen Trott aus dem sie einem auch noch mit
glücklichem Grinsen anglotzen. Sie
sind glücklich, vermeinen
es nicht nur zu sein. Sie können sich gar kein höheres Glück
vorstellen als ihr entmündigtes Leben jeden Tag aufs neue
zu wiederholen in einer endlosen Rekursion, ohne Höhepunkte, natürlich auch ohne Tiefpunkte,
aber in der zutiefst befriedigenden Gewißheit, einer unter vielen
zu sein, einer unter allen und alle gleich und niemand ragt heraus
und keiner hat Träume, Sehnsüchte, Leidenschaften und alle traben
durch die Tage, schleichen durch ihr Leben, verlassen es so
spurlos wie sie es betreten haben, ein entschuldigendes Lächeln
auf dem Gesicht, daß sie überhaupt ein Mensch gewesen sind. Wenn
sie es denn waren...
Nur ich, der Kranke, bin eben anders. Ich will mich nicht abfinden
und tue es dann doch. Ich ringe jeden Tag mit mir einen Kampf, den
ich nur verlieren kann. Ich werde immer enttäuscht sein, was ich
auch anfange. Denn ich bin in der Lage mir ein Leben vorzustellen,
daß alles, was sich auf dieser Erde manifestieren wird nur als
müden Abglanz erscheinen läßt. Ein wirkliches Leben. Eine Existenz,
die würdig wäre, von einem Menschen gelebt zu werden.
Der Geist ist die Krankheit. Und von dem Leben genippt zu haben,
dem wirklich Leben, nur gekostet in raren Momenten. Ein Tropfen
schon macht abhängiger als jede Droge. Wer
einmal geliebt
hat, kann sich doch nicht damit zufrieden geben, die Gefühle
irgendwann wie einen alten Mantel einzumotten. Wer
einmal
in den Brunnen der Kunst getaucht ist, kann sich doch fortan
nicht mit schalen Vergnügungen und unterhaltsamen Zeitvertreib zufriedengeben.
Wer sich
einmal in seinem Leben wirklich ausgedrückt hat,
kann doch eine fremdbestimmte Angestelltentätigkeit niemals als
Selbstverwirklichung begreifen.
Wie hoch stehen diese raren Momente meines Lebens über dem, was
Tag für Tag im gleichgeschalteten Trott möglich ist. Wie jämmerlich
mickrig und trostlos ist die Öde des Alltagslebens gegenüber dem,
was ein Mensch leisten und erfahren könnte, für was er kraft seiner
Seele und seines schrankenlosen Verstandes eigentlich befähigt wäre
und geschaffen wurde.
Das Tragische ist nicht, daß wir Menschen nicht alles erreichen,
was möglich wäre, sondern daß wir es gar nicht versuchen. Daß wir
uns zufriedengeben mit dieser Seichtheit und Öde des Lebens. Weil
wir nicht ertragen könnten, eine falsche, bedauernswerte
Entscheidung zu treffen, einen Irrweg einzuschlagen,
entmündigen wir uns selbst, entheben
uns jeder Entscheidung, führen ein Leben ohne jegliche
selbstbestimmte Einflußnahme wie eine Henne in der Legebatterie.
Und jeder, der sich nicht zufriedengibt, jeder, der mehr
verlangt, jeder, der gegen die Banalität und Plattheit unseres
Lebens aufbegehrt, wird mundtot gemacht, bekämpft, bekriegt
oder mit der ultimativen Waffe, der Lächerlichkeit geschlagen.
Weil wir keinen Stachel im Fleisch ertragen können, weil unser
Selbstbetrug überhaupt nur dann funktionieren kann, wenn wir nicht
nur mit Scheuklappen durch die Welt traben sondern auch noch
jeden, der sich uns in die Weg stellt niedertrampeln. Er könnte
uns anstecken mit seiner Krankheit, der Unzufriedenheit. Jeder,
der einmal vom Leben gekostet ist, ist ein Aussätziger, ein Paria
für uns so brave, durchschnittliche Menschen. Markiert ihn mit
dem Judenstern und schlagt ein Kreuz wenn ihr ihn seht...
Ich bin ermattet. Die Kraft reicht nicht, um alles zu denken,
was ich denken möchte, geschweige denn die Gedanken auch noch
auszudrücken, festzuhalten, in Form zu gießen. Der Mensch ist
zu schwach für seinen Geist. Oder vielleicht ist der Geist zu
schwach für dieses Leben.
Als ich den Fernseher einschalte und durch die Programme zappe,
weiß ich, daß ich wieder zu einem Teil von ihnen allen geworden
bin, ein Teil der Gattung, die sich Mensch nennt. Und ja, es
hat etwas merkwürdig tröstliches. Ich werde mit ihnen johlen,
wenn die "eigene" Mannschaft den Ball ins gegnerische Tor tritt.
Es ist zwar kein Leben, aber es ist wohl alles, wozu ich fähig
bin. Einer unter ihnen. Erst des Nachts, wenn ich wieder mit
meinen Gedanken alleine bin, wird die Unzufriedenheit in mir
nagen. Leise nur, leise. Denn morgen heißt es wieder früh
aufzustehen und sich dem täglichen Trott zu übergeben. Es ist
zwar kein Leben, aber es währt ja auch nicht endlos...