Da sitz ich nun also, unter ihnen, unter Menschen, die
lachen, feiern. Als Therapie ist mir das verordnet worden. Von
Freunden, die es gut meinen. "Du mußt doch mal raus aus Deinem
Schneckenhaus!" Ich war zu höflich, nein zu sagen. Oder vielleicht
auch nur zu schwach an diesem Abend, zu ausgelaugt vom fruchtlosen
Grübeln. Denn es erfordert sehr viel Stärke, gutmeinden Menschen
zu widersprechen, Menschen, die einfach nicht verstehen wollen oder
können. Wenn ich diese Stärke hätte, würde ich mich jetzt nicht so
elend fühlen, unter ihnen. Ich könnte sie leichter ertragen.
Aber wenn ich diese Stärke hätte, wäre ich heute auch gar
nicht hier.
Doch ich bin hier, unter Menschen, und fühle mich so einsam wie
schon lange nicht mehr. Es ist nicht wahr, daß man eimsam ist, wenn
man alleine ist. Ganz im Gegenteil. Ohne einen anderen Menschen
gäbe es auch keine Einsamkeit. Einsamkeit bedingt geradezu den
anderen als Bezugspunkt, als Ursache und unerreichbares Ziel.
Und sie sind so vollkommen unerreichbar, die anderen, wie sie sich
gerade im Wettstreit der Erlebnisbanalitäten überbieten. Ich meine,
nicht daß ich sie erreichen wollte, wie sie jetzt durcheinander
reden, niemand dem anderen zuhört, jeder auf den Vorredner noch
eins draufsetzt, ohne daß es auch nur einem von ihnen für eine
einzige Sekunde um Wahrheit oder gar Wahrhaftikeit ginge. Und
genau das macht die Kluft zwischen ihnen und mir so tief:
ich will sie nicht einmal überbrücken. Ich will auf meiner Seite
bleiben und von der Seite der anderen am liebsten überhaupt nichts
mitbekommen...
Immerhin, sie lassen mich inzwischen in Ruhe. Sie haben ihren
Fehler selbst eingesehen, die Gutmeiner. Inzwischen geht es nicht
mehr um "mein Bestes", es geht darum ihnen den Spaß nicht zu
verderben. Und ich halte mich zurück. Ich bin kein Spaßverderber.
Nicht freiwillig jedenfalls. Unfreiwillig sehr wohl, wie mir
vorhin erst klar genug demonstriert wurde, als es mir gelungen
war, mit wenigen Sätzen eisiges Schweigen im Raum zu verbreiten.
Es hat größte Antrengungen des Gastgebers benötigt, die Party
wieder in Schwung zu bringen. Endlich sind sie wieder alle
fröhlich, unbeschwert. Und keiner begeht jetzt noch den Fehler,
mich in den belanglosen Small-Talk einbinden zu wollen.
Also sitze ich eben da. Warum versetzt es mir überhaupt einen
Stich, nicht dazuzugehören, wenn ich gar nicht wie sie sein will?
Warum macht es mich unglücklich, zu wissen, daß ich sie mit
meinen Gedanken, mit wenigen Worten nur unglücklich machen würde,
sobald ich anfinge, mich in ihre Gespräche einzumischen, nur
ein Korn der Wahrheit in die Selbsttäuschungen der anderen zu
legen. Warum macht es sie nicht im geringsten unglücklich, daß
ich unglücklich bin?
Einsamkeit hat immer etwas mit zu scharfem Verstand zu tun. Wenn
alle Methoden des Selbstbetruges nicht fruchten, weil man sie
alle durchschaut, dann bleibt am Ende nur die große, unerträgliche
Verlorenheit, das Wissen um die Grenzen, um die Vergänglichkeit,
das Wissen, daß sich die eigenen Sehnsüchte nie anderes als in
Oberflächlichkeit ersticken lassen, doch in Wahrheit unerfüllbar
bleiben müssen bis zur letzten Minute.
Dieser Verstand ist wie eine Qual. Er sticht durch jeden Wattebausch
der betäubenden Vergnügungen. Einen selbst und jeden anderen, der
den Fehler begeht, sich mit einem abzugeben. Dieser spitze Dorn
bohrt sich durch jede verlogene Glückseligkeit, spießt sie
gnadenlos auf. Man vermag ihm nicht zu entfliehen. Bestenfalls
wird man in verweifelter Flucht vor sich selbst von ihm durchs
Leben gejagt. Oder man resigniert irgendwann, gibt auf, versucht
zu leben mit dem stets bohrenden Schmerz in seinem Herzen.
Ich stehe jetzt am Fenster und schaue hinaus auf die Weite des
Horizonts. Dann wende ich mich um und betrachte die Runde im
Zwielicht des beginnenden Abends. Wie eng der Raum doch ist. Ich
blicke auf meine Armbanduhr und rechne mir aus, wann ich die
anderen werde verlassen können um wenigstens das Mindestmaß von
Anstand zu wahren. Ich greife nach einem Glas. Auch dann wird es
wieder eine enorme Kraftanstrengung benötigen, das aufgesetzte
Bedauern und die wie Barrikaden vor den Abschied gestellten
Wünsche, man möge doch noch bleiben, zu durchbrechen. Vielleicht
habe ich es aber bis dahin auch geschafft, daß mein Abschied nur
von einem großen Schweigen beantwortet werden wird. Und ganz hinten
seufzt eine helle Stimme erleichtert auf.
Bis dahin heißt es noch durchzuhalten. Für sie und für mich.
Ich lasse mich wieder in meinen Sessel fallen und greife nach
einem Glas. Ich sitze nicht unter ihnen. Ich sitze neben ihnen.
Und meine Gedanken sind schwarz wie die hereinbrechende Nacht.